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Fehler melden2009 kaufte die Stadt Linz das Areal der Tabakfabrik. Wo einst die Produktion stillstand, sollte in den nächsten Jahren ein einzigartiges Ökosystem entstehen. Die Tabakfabrik sollte ein Motor für neue Arbeitsplätze, ein Magnet für Talente und ein Symbol für die Innovationskraft von Linz werden.
Die Arbeitswelt befindet sich in einem rasanten Wandel. Starre Hierarchien und isolierte Abteilungen weichen flexiblen, vernetzten Strukturen. Schlagworte wie „New Work“ und „Industrie 4.0“ sind mehr als nur Trends – sie beschreiben eine neue Realität, in der Kreativität, Kollaboration und Innovation die wichtigsten Ressourcen sind. In der Tabakfabrik Linz wird diese Zukunft seit dem Neustart nicht nur gedacht, sondern gelebt.
Die Tabakfabrik wurde nicht reiner Bürostandort gedacht, sondern als lebendigen Organismus – eine „Innovationsökologie“, wie es das renommierte Wiener Forschungsinstitut FAS.research nannte. Es braucht zwölf Schlüsselrollen, die ein dynamisches Innovationssystem braucht: von den neugierigen „Entdecker:nnen“ und leidenschaftlichen „Idealist:innen“ über kreative „Tüftler:innen“ bis hin zu erfahrenen „Mentor:Innen“.
Dieses Zusammenspiel unterschiedlichster Akteure – von Ein-Personen-Unternehmen über Start-ups bis hin zu etablierten Firmen und Bildungseinrichtungen – soll eine enorme Wertschöpfungsdynamik schaffen. Statt in Konkurrenz zu treten, bereichern sich die MieterInnen gegenseitig, teilen Wissen und Ressourcen und bilden Synergien, die in traditionellen Strukturen undenkbar wären. Eine Studie von FAS.research zeigte bereits 2018, dass alle Schüsselrollen am Areal vertreten waren.

GERHARD GRUBER LINZ-AUSTRIA
Im Zuge ihrer Neuerfindung beschäftigte sich die Tabakfabrik Linz auch mit der Arbeitswelt der Zukunft. Sie sollte nicht nur aus Architekturhistorischer Sicht revolutionier sein, sondern sich im Geiste ihrer Schöpfers Peter Behrens und Alexander Popp auch als dynamische Produktionsstätte, als Versuchsanstalt für Visionen und für die konkrete Umsetzung gesellschaftspolitischer oder sozioökonomischer Zukunftsmodelle etablieren.
Der Vorteil, die Entwicklung der Tabakfabrik als autopoietisch zu betrachten, liegt in der realistischen und innovativen Management- und Entwicklungsstrategie, die sich aus dieser Sichtweise ergibt. Der traditionelle Ansatz wäre, die Tabakfabrik als lebloses Objekt zu betrachten, das Eingriffen von außen ausgeliefert ist. Ein linearer Gestaltungsprozess sammelt Ideen, entwirft Planungen und führt Änderungen durch. Dabei setzen die Planer:innen vielfach voraus, alle Faktoren zu kennen – in der Regel ist diese Annahme unrealistisch. Lernprozesse, in denen neue Erfahrungen gemacht und durch korrigierende Eingriffe rekursiv in den Gesamtprozess eingebracht werden, sind nicht vorgesehen. Dies birgt das Risiko einer Planung, der an internen und externen Gegebenheiten vorbeigeht.
Hingegen erkennt ein systemtheoretisch inspirierter Zugang an, dass sich die Akteur:innen – in ihren jeweiligen Funktionen und Bereichen – nach spezifischen Eigenlogiken organisieren und entwickeln, im Sinne von Subsystemen in einem Gesamtsystem. Welche Beziehungen die Akteur:innen innerhalb der Bereiche oder zwischen Bereichen eingehen bleibt der relativen Autonomie der Subsysteme überlassen. So entsteht Raum für eine Vielfalt kontingenter Allianzen zwischen allen beteiligten Akteur:innen. Dieser Zugang ist wesentlich realistischer, da er das Moment der Kontingenz in allen Entwicklungsprozessen anerkennt. Er bezieht entsprechende Phasen der Reflexion und Neuorganisation in den Gestaltungsprozess ein. Ein systemtheoretischer Ansatz nutzt zudem das spezifische kreative Potenzial, das entsteht, wenn Systemen Raum zur Selbstorganisation und das produktive Moment von Kontingenz zugelassen wird. Die Steuerung des Gesamtsystems wird dabei nicht aufgegeben: Einerseits konzentriert sie sich auf die Implementierung politischer, wirtschaftlicher und technischer Rahmenbedingungen, an dem sich die Subsysteme ausrichten. Andererseits bringt sie die steuernden Akteur:Innen dazu, sich als Teil des Gesamtsystems wahrzunehmen, die zwar eine gewisse Machtposition innehaben, in dieser Position aber gegenseitigen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten der Subsysteme ausgesetzt sind. Dieses Selbstverständnis vermittelt in der Regel einen sozial geschulten, fähigen und reflexiven Führungsstil.
Systeme organisieren, entwickeln und verändern sich im Rahmen einer besonderen Eigenlogik. Sie benötigen für ihren Aufbau unterschiedliche Elemente und vernetzen sich zu unterschiedlichen Strukturen. Der Begriff „Autopoiese“ wird verwendet, wenn diese Elemente und Strukturen vom System selbst produziert und reproduziert werden. Ein autopoietisches System erschafft und erhält sich aus sich selbst heraus. Der Begriff der Autopoiesis bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf Kontakte zum Außen, zur Umwelt. Interaktion ist für das System von Bedeutung, aber sie diktiert das System nicht. Es reguliert selbst das Ausmaß und die Form der Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von seiner Umwelt. In diesem Sinne bewahrt das System seine relative Autonomie, handelt auf der Grundlage seiner eigenen Logik und ist daher nicht beliebig von außen steuer- oder kontrollierbar.
In Bezug auf den Aufbau sozialer Systeme ist der Begriff der „Kontingenz“ zentral. In den Beziehungen zur Umwelt sowie in den inneren Beziehungen zwischen den Elementen existiert das Phänomen, dass niemals alle möglichen, sondern immer nur einige wenige Beziehungen zustande kommen und das System prägen. Die Beziehungen der Elemente folgen keiner festen Regel; es gibt weder notwendige noch unmögliche Verknüpfungen: Sie sind kontingent. Die Folge ist, dass sich Systeme mit ähnlichen bestimmenden Elementen dennoch sehr unterschiedlich organisieren.
Das Konzept 4020 Linz – Tabakfabrik 2040: Strategie zur weiteren Entwicklung der Tabakfabrik Linz benennt vier Säulen als Grundelemente des neuen Stadtteils: Kreativität, Soziales, Arbeit und Bildung. Diese Elemente bilden eine strukturelle Vorgabe für die inhaltliche Entwicklung der Tabakfabrik; hinzu kommt ein zeitgemäßes Verständnis des öffentlichen Raumes. Dieser Begriff bezeichnet keinen öffentlich subventionierten Raum, sondern zielt auf die Dynamik der Aneignung dieses Raumes für soziale, kulturelle und politische Belange ab. Das Konzept des öffentlichen Raums wird selbst zu einer Frage der Entwicklung und Differenzierung im Gesamtprozess.
Hauptakteur:innen dieses Konzepts sind die politischen Träger:innen und das Management der Tabakfabrik, aber auch die vier Aktivitätsbereiche sind in die Entwicklungsarbeit eingebunden. Aus systemtheoretischer Sicht bilden alle Akteur:Innen – politische Vertreter:innen, Management und Pionier:innen – Teilsysteme eines Gesamtsystems und entwickeln sich relativ autonom.
Unter den Begriffen „Co-Working“ und „Community Production“ stehen gemeinschaftliche Arbeitsstrukturen im Mittelpunkt, die effektive lokale wie internationale Synergien ermöglichen und eine kleinteilige, dezentrale Produktion durch die Bereitstellung von Hightech-Infrastrukturen und durch Ressourcenteilung fördern. Kooperation anstelle von Konkurrenz soll den Alltag bestimmen.
Daher beschäftigte sich die Tabakfabrik stets nicht nur mit der Gegenwart, sondern entwickelte immer auch Konzepte für das Jahr 2040. In diesem Jahr könnte sich die Einwohner:innenzahl der Stadt Linz verdoppelt haben. Das Leben der Menschen wird neuen Gesetzmäßigkeiten folgen. Beispielsweise entwickelt sich der Arbeitsmarkt mehr in Richtung der neuen Selbstständigkeit. Während die hohe individuelle Autonomie in der Gestaltung der Arbeit von vielen als positiv gesehen wird, wird diese oft mit hohen finanziellen Risiken und chronischem Konkurrenzdruck bezahlt. In der Tabakfabrik sollte diesen negativen Entwicklungen bewusst entgegengesteuert werden. Inspiriert von den Ideen und Konzepten des Thinktanks NANK (Neue Arbeit – Neue Kultur) rund um den Sozialphilosophen und Begründer der sogenannten New-Work-Bewegung Frithjof Bergmann, werden seit 2010 neue berufliche Milieus für kreative Mikrounternehmen geschaffen und erprobt.
Unter den Begriffen „Co-Working“ und „Community Production“ stehen gemeinschaftliche Arbeitsstrukturen im Mittelpunkt, die effektive lokale wie internationale Synergien ermöglichen und eine kleinteilige, dezentrale Produktion durch die Bereitstellung von Hightech-Infrastrukturen und durch Ressourcenteilung fördern. Kooperation anstelle von Konkurrenz soll den Alltag bestimmen.
Das Herzstück des Konzepts des Kollaborativen Konzerns ist eine durchdachte Produktionskette, die sich physisch durch das Areal zieht. Sie folgt dem Weg einer Idee von ihrer Entstehung bis zur Marktreife und gliedert sich in drei Bereiche:
Knowledge Unit (Contentik)
Hier, im Bereich von Kunst, Forschung und Bildung, entstehen die entscheidenden Impulse. Institutionen wie die Kunstuniversität Linz oder Gerhard Haderers Schule des Ungehorsams (2017-2020) sind die Triebfedern für neue Denkansätze.
Design Unit (Creatik)
In Co-Working-Spaces, Ateliers und Agenturen werden die Impulse der Contentik von der Kreativwirtschaft aufgegriffen. Start-ups und DesignerInnen entwickeln aus abstrakten Ideen konkrete Entwürfe und Konzepte.
Maker Unit (Protopik)
n neoindustriellen Werkstätten wie der GRAND GARAGE wird aus dem Entwurf ein greifbarer Prototyp. Offene High-Tech-Werkstätten mit 3D-Druckern, Laser-Cuttern und CNC-Fräsen ermöglichen es, Ideen schnell und professionell zu realisieren.
Die Tabakfabrik Linz wurde als Drehscheibe für die Kreativwirtschaft und ein Zentrum für Digitalisierung etabliert. Heute produzieren Einzelunternehmer:innen und Organisationen aus den Bereichen Architektur, Design, Kunsthandwerk, Medien oder Werbung vor Ort. Durch die gezielte Förderung dieser Wachstumsbranche und deren Bündelung vor Ort wollte Linz nach dem Kauf der Tabakfabrik zu einem internationalen Trend aufschließen, denn die Wertschöpfung und Beschäftigung in der Kreativwirtschaft stieg in den 2010er-Jahren trotz aller Wirtschaftskrisen kontinuierlich an. Aus diesem Grund wurde die Vernetzungsplattform Creative Region Linz & Upper Austria bereits in früh in der Tabakfabrik angesiedelt.
Das Konzept manifestiert sich auch in der Architektur und Infrastruktur. Die Strada del Start-up, eine 230 Meter lange Indoor-Promenade im Bau 1, ist eine europaweit einzigartige Produktionsstraße für junge Unternehmen. Sie bietet nicht nur flexible Büro- und Werkstatträume, sondern auch ein „Rundum-Sorglos-Paket“ mit Zugang zu MentorInnen, InvestorInnen und einer lebendigen Community.
Die GRAND GARAGE wiederum schließt als riesiger Makerspace die Lücke zwischen digitalem Entwurf und physischem Produkt. Sie ist das „Missing Link“, das es TüftlerInnen, Kreativen und Unternehmen ermöglicht, ihre Visionen direkt vor Ort umzusetzen.

Netural / Sighart, Fehkührer
Der Netzwerkanalyst Dr. Harald Katzmair bezeichnete die Tabakfabrik 2018 als „eines der spannendsten und relevantesten Zukunftsprojekte Österreichs“ und verglich ihre Rolle mit der des historischen Bauhauses – ein „Bauhaus 4.0“, wo nicht nur gearbeitet, sondern die Zukunft der Arbeit selbst neu gedacht und gestaltet werden soll.
Der Kollaborative Konzern Tabakfabrik ist damit mehr als die Summe seiner Teile. Er ist ein Versprechen für die Zukunft, ein Ort, an dem durch die Kraft der Gemeinschaft Innovationen entstehen, die weit über die Grenzen von Linz hinausstrahlen.