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Fehler meldenDie Architekten Peter Behrens und Alexander Popp planten die neue Tabakfabrik, einen Meilenstein der österreichischen Industriearchitektur. Die Gebäude entstanden schrittweise zwischen 1929 und 1935, denn die Produktion musste mitten in der Weltwirtschaftskrise ohne Unterbrechungen weiterlaufen.
Die Tabakfabrik ist einer der ersten Stahlskelett-Bauten in Österreich. Diese innovative Konstruktion ermöglichte nicht nur eine flexible Nutzung der Räume, sondern machte das Gebäude auch zu einem Vorreiter seiner Zeit. Die Außenmauern dienten nur noch als Hülle, was den Architekten erlaubte, flexible Innenräume und durchgehende Fensterbänder zu schaffen. Diese horizontalen Fensterfronten prägen das äußere Erscheinungsbild und sorgen im Inneren für helle, lichtdurchflutete Arbeitsräume.
Im Bild der Bau 1 (heute: CASABLANCA), das ehemalige Zigarettenfabrikationsgebäude der Tabakfabrik Linz. Dank seiner spektakulären Krümmung auch „Bananen-Bau“ genannt, hat es Architekturgeschichte geschrieben. Als erster großer Stahlskelettbau Österreichs im Stil der Neuen Sachlichkeit und als Meisterwerk der internationalen Moderne zieht er zeit seines Bestehens Generationen von Architekturstudierenden in seinen Bann.

Archiv der Stadt Linz

Nordico Stadtmuseum Linz
Die gesamte Architektur folgte dem Arbeitsablauf und den Bewegungen der Maschinen, was eine hocheffiziente Organisation des Fabrikbetriebs ermöglichte. Für die Tabakverarbeitung war eine konstante Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent notwendig, ähnlich tropischen Bedingungen. Dafür wurde im Kraftwerk Dampf erzeugt und in die Gebäude geleitet. Gleichzeitig bot das Stahlgerippe mit Betonummantelung einen sehr hohen Isolierwert im Vergleich zu damals üblichen Bauten. Ein eigenes KRAFTWERK versorgte alle Gebäude mit Strom, Wärme und Wasserdampf.
Es entstand ein Gesamtkunstwerk, bei dem von der Architektur über Materialien und Möbel bis hin zur Schrift alles eigens für diesen Bau entwickelt wurde. Behrens und Popp schufen ein modernes Fabrikgebäude, das Funktionalität, Ästhetik und gute Arbeitsbedingungen optimal vereinte.
Die Architekten stellten den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Entwürfe. Sie achteten auch auf die Gesundheit der Arbeiter. Großzügige, helle Arbeitsräume, Entstaubungsanlagen und Lüftungsflügel sorgten für Hygiene und Wohlbefinden am Arbeitsplatz.

Archiv der Stadt Linz
Die Architektur der Tabakfabrik ist weltberühmt. Ihre klaren Linien und die funktionale Ästhetik begeistern bis heute. Oft fällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Bauhaus“. Doch das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die Tabakfabrik ist tatsächlich ein Paradebeispiel für einen anderen, eng verwandten Stil: die Neue Sachlichkeit.
Die Neue Sachlichkeit war eine Strömung, die sich in den 1920er Jahren bewusst von verspielten Stilen wie dem Expressionismus abgrenzte. Wie der Name schon sagt, standen Funktion, Zweck und eine sachliche Formensprache im Vordergrund. Peter Behrens, der geniale Architekt der Tabakfabrik, war einer der Pioniere dieser Bewegung. Bereits 1907 war er Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, der die Weichen für modernes, industrielles Design und eine sachliche Architektur stellte.
Obwohl das berühmte Bauhaus zur selben Zeit existierte und oft als Überbegriff für die gesamte Architektur der Moderne verwendet wird, ist es eine eigenständige Schule und Stilrichtung. Peter Behrens war jedoch weder Lehrer noch Schüler am Bauhaus. Die Tabakfabrik ist daher kein Bauhaus-Werk, sondern ein eigenständiges Meisterwerk. Beide Stile – Neue Sachlichkeit und Bauhaus – gehören aber zur großen Bewegung des Neuen Bauens, die die Architektur des 20. Jahrhunderts revolutionierte. Sie sind also enge Verwandte mit einem gemeinsamen Ziel: eine moderne, klare und funktionale Gestaltung.
Warum wurde die Tabakfabrik derart hochwertig und technisch aufwändig errichtet? Das erklärt das Buch Die Neubauten und Betriebseinrichtungen der Tabakfabrik in Linz aus 1936 folgendermaßen: Modernste technische Errungenschaften sollten ausgenutzt, der Betrieb für die Massenerzeugung zentralisiert und rationalisiert werden. Durch die systematischere Gestaltung von Nebenbetrieben sollten überflüssige Transport-, Verwaltungs- und Lagerkosten sinken. Ein weiteres Argument für den hochwertigen Neubau war, dass billiger Tabak höhere Luftfeuchtigkeit benötigt. Die Tabakfabrik sollte mit 60-75 Prozent Luftfeuchtigkeit bei 18 Grad bis maximal 25 Grad in den Arbeitssälen produzieren, 95 Prozent in den „Anziehkammern“ für das Vorweichen des Tabaks sowie in der Lösehalle 20 Grad mit 70-80 Prozent Luftfeuchtigkeit (gleich ob -20 Grad oder +35 Grad Außentemperatur herrschten). Dadurch konnte das Mischungsverhältnis zwischen billigeren und teureren Sorten geändert und die Materialkosten gesenkt. Gleichzeitig sollte die hohe Luftfeuchtigkeit den Materialverlust um sieben Prozent verringern, da weniger Kleingut entstand. Das jährliche Einsparpotenzial sollte nach damaligen Schätzungen 3,4 Millionen Schilling jährlich betragen.
Demgegenüber standen 25 Millionen Schilling Investitionskosten für den Neubau.
Gleichzeitig wäre die neue Fabrik in der Lage Fabrikate in jener Qualität zu erzeugen, die „der in- und ausländische Raucher heute von einem modernen Großbetrieb verlangt. Je mehr sich Österreich zum Fremdenverkehrslande entwickelt, desto wichtiger ist es, die Qualität der Tabakfabrikate auf dem Niveau des Auslandes zu halten, das mit den neuesten Methoden arbeitet.“ Zudem sollte der Ausstoß aller Produkte verdoppelt werden:
| 1,5 | Milliarden Zigaretten |
| 1,5 | Millionen Kilogramm Pfeifentabak |
| 750.000 | Kilogramm Zigarettentabak |
| 3 | Milliarden Zigaretten |
| 3 | Millionen Kilogramm Pfeifentabak |
| 900.000 | Kilogramm Zigarettentabak |
Lerne die wirtschaftlichen Hintergründe kennen, sieh dir die Details von Baumaterialien und Konstruktion an.
Die Tabakfabrik wurde mit neuartigen Bautechniken und hochwertigen Materialien gebaut: Rote Klinker überziehen die Sockel, die Gesimse wurden steinmetzgerecht bearbeitet, der Edelputz erhielt eine optisch ansprechende Struktur mit der Kelle, die Säulen aus Kunststein wurden händisch bearbeitet, um ihnen ihre genarbte Struktur zu verleihen. Alle Stiegen bestehen aus glattpoliertem Kunststein. Zellenbeton (aus Zementwasser und Seifenschaum) sowie Kork isolierten die Wände. Die Handläufe in den Treppenhäusern, die Türen (Außentüren, Innentüren, historische Aufzugtüren) sind aus Tombak geformt, einer kupferhaltigen Messinglegierung. Die Stahlgerippe-Konstruktion war darauf ausgelegt, Erschütterungen durch schwere Maschinen stand zu halten. Auch Kunstwerke waren von Anfang an Teil des Baus.
Diese Qualität sei wirtschaftlich, wurde damals argumentiert, denn selbst bei stärkster Beanspruchung bliebe die Bausubstanz jahrzehntelang einwandfrei. Zudem wurden später mögliche Umbauten bereits bei der Errichtung eingeplant. Die heutige Nutzung zeigt, dass die Tabakfabrik nach wie vor diesen Ansprüchen gerecht wird.

Hermann Steindl




Peter Behrens gilt als Vorreiter der sachlichen Architektur und des Industriedesigns. Er gilt als Prototyp („Urbild“) des Industriedesigners und zugleich als Erfinder des Corporate Designs. Außerdem waren in dem von ihm geführten Architekturbüro später berühmt gewordene Architekten zum Teil gleichzeitig tätig: unter anderem 1908 -1910 Walter Gropius (der 1919 das Bauhaus gründete), 1908-1912 Ludwig Mies van der Rohe und 1910-1911 Le Corbusier. In Wien wurde er 1922 zum Nachfolger Otto Wagners an der Akademie der Bildenden Künste – zum Direktor der Architekturabteilung, wo unter anderem Alexander Popp studierte.
Die Liebe zum Detail, die die Tabakfabrik auszeichnet, wird überall spürbar. Sie zeugt vom umfassenden Gestaltungswillen der Architekten, die hier ein wahres Gesamtkunstwerk schufen. Für ihr Gesamtkunstwerk mit 50.000 Quadratmetern überdachter Nutzfläche entwarfen Peter Behrens und Alexander Popp jedes einzelne Element: Die Farben (etwa das türkise „Linzer Blau“), die eigens Typografie der Beschriftungen, die Bodenbeläge und die Einrichtung, von Stahlrohrstühlen an den Tabakblätter-Lösetischen über Türgriffe und Lampen bis zu Kaffeetassen. Dabei stellten sie jene Menschen in den Mittelpunkt, die in den folgenden Jahrzehnten in der Tabakfabrik arbeiten würden.
Diese außergewöhnliche Sorgfalt macht sich bezahlt: Auch nach Jahrzehnten wirken die Stiegenhäuser noch immer modern und ansprechend. Der ikonische türkise Farbton, der hier allgegenwärtig ist, wurde dabei zum unverkennbaren Markenzeichen des gesamten Architekturjuwels.

Hermann Steindl






Die kilometerlangen Fensterbänder sind das Markenzeichen der Tabakfabrik Linz. Allein im ehemaligen Zigarettenfabrikationsgebäude erstrecken sie sich über 3.000 Meter und sorgen für helle, lichtdurchflutete Räume.
Die Fenster sind ein Meisterwerk der Technik und des Designs. Sie bilden nicht nur ein ästhetisches Element, sondern halten als funktionale Lösung den anspruchsvollen Bedingungen der Tabakproduktion mit ihrer hohen Luftfeuchtigkeit Stand. Spezielle, um die Mittelachse drehbare Wendeflügel sorgten für Belüftung und Dichtheit in den feuchtwarmen Räumen. Die Lüftungsflügel, auf deren dichtes Schließen der allergrößte Wert gelegt werden musste, sind aus Spezialprofilen hergestellt, dem damaligen Stand der Technik entsprechend als Stahl-Glas-Konstruktion. Holz fand aus diesen technischen Gründen im ganzen Gebäude keine Verwendung. Rinnen in den Fensterbrettern aus Kunststein leiteten das Kondenswasser ab. Diese Details zeugen von der überragenden Qualität und Langlebigkeit des fast 90 Jahre alten Architekturjuwels.
Die Wartung dieser historischen Stahl-Glas-Fenster ist eine Daueraufgabe, die bis heute traditionelle Handwerkskunst wie das Kitten von Hand erfordert, um die wertvollen Scheiben vor Rost und Witterung zu schützen.

Hermann Steindl


